Emsdettener Venn


Das Emsdettener Venn:

Bevor wir uns mit den Feinheiten der Venn-Geschichte befassen für eilige Kurzleser die wichtigsten Fakten vorweg:

  • Was heisst überhaupt „Venn“? Es ist ein Sammelbegriff für Moore oder noch allgemeiner für sumpfig-morastige Bereiche. Es existieren auch verwandte Schreibweisen wie „Fenn“, „Fehn“ oder „Feen“ usw. – achten Sie mal bei Ortsnamen auf solche Endungen
  • Das Emsdettener Venn ist bereits seit 1941 als erstes Gebiet im jetzigen Kreis Steinfurt unter Schutz gestellt
  • Sein Alter lässt sich auf ca. 5.000 Jahre datieren
  • Die Torfstärke beträgt im Kerngebiet ca. 2 Meter
  • Es ist ein klassisches Hochmoor mit einem ph-Wert von 3,0 bis 4,8
  • Der Kernbereich umfasst etwa 100 ha., der umliegende Bruchwald und die Feuchtwiesen kommen auf 340 ha.
  • 2004 erfolgte eine Aufwertung durch die EU als FFH Gebiet (Flora, Fauna, Habitat)
  • Eigentümer ist der Kreis Steinfurt, die Leitung unterliegt der „Unteren Landschaftsbehörde“

Für tiefergehend Interessierte heisst es nun: „anschnallen“, wir tauchen (mit freundlicher Unterstützung des Heimatbundes Emsdetten)  ein in die

Geschichte des Emsdettener Venns:

Die Anfänge liegen leider im Dunkeln. Vielleicht war es so: irgendwann in grauer Vorzeit (die durchaus bunt war!) bog eine Gruppe von steinzeitlichen Jägern beim damals populären „Mammut Go“ falsch ab und da lag sie – eine flache Geländemulde mit einigen Sandhügeln und kleinen, schnell versandeten Tümpeln, die vom torfbildenden Sphagnummoos überwuchert worden waren.

Woher wir das wissen?  Bei Torfabgrabungen kamen starke Eichenstämme zu Tage, diese wachsen nur auf nährstoffreichem, eher trockenem Untergrund. Die sich ausbreitenden Torfmoose (Sphagnum)  entzogen durch die dichte, wassergetränkte Polsterdecke deren Wurzeln die notwendige Luft und brachten sie langsam zum Ersticken. Sie starben ab und fielen in den Sphagnumrasen. Interessant ist in dem Zusammenhang auch deren Lage: stets in nordöstlicher Ausrichtung – ein Indiz für das Vorherrschen von starken südwestlichen Winden. Soll heissen:  es herrschte ein eher maritimes Klima, also beste Voraussetzungen für das Wachstum der Moose.

Dieser vom Wasser vollgezogene Torfschwamm unterband auch weiterhin jegliche weitere Besiedlung mit höheren Pflanzen – das Venn war zu seiner „Glanzzeit“ unbewaldet! Nur in den Randzonen hatten unter anderem Glockenheide, Sumpfbinse, das scheidige Wollgras und die Rosmarinheide eine Chance. Auch Birke, Faulbaum usw. waren dort ansässig, aber die Schafe und Kühe der umliegenden Bauerschaften wie Westum usw. hatten schnell herausgefunden, dass deren Triebe mehr Nährstoffe als die genannten Heidesorten hatten. Also nix wie abgebissen, gut durchgekaut und runtergeschluckt …

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Birkhahn – leider nur ausgestopft, denn seine lebenden Gefährten sind im Venn seit 1945 verschwunden

Machen wir nun einen Sprung ins späte 19. Jahrhundert, da sich ab dort einschneidende Veränderungen ergaben: unstrukturierten oder sporadischen Torfabbau gab es vermutlich schon seit Jahrhunderten, aber nun kam die berühmte deutsche Gründlichkeit hinzu: am äußeren Moor-Rand konnte, da das Gebiet Allgemeingut war, jeder Bürger von der  „Venninteressenschaft“ einen Anteil zum Torfabbau erwerben. Dazu schaufelten sie jeweils zwei Gräben ins Venn, welche zugleich die Grenze zum Nachbarn markierten und der Entwässerung dienten.

Der Hochmoorkern, „Weißes Venn“ genannt, blieb wegen Feuchtigkeit und mangels Entwässerungsgräben am längsten unberührt. Das war ab 1872 vorbei, es wurde auf die umliegenden Gemeinden zur Nutzung aufgeteilt. Jedem Interessenten standen 0,125 ha zur Verfügung, griffig übersetzt 1.250 qm oder wer’s gerne in Längenmetern hätte: 25×50.

1882 folgte dann die Aufhebung des Umringes als Gemeingut, so daß nun Bauern und Kötter die Möglichkeit hatten, es eigenverantwortlich als Acker oder Wiesenland zu gestalten. Bis zum Ersten Weltkrieg ging es allerdings nur schleppend voran – es fehlte eine leistungsfähige Entwässerung sowie künstliche Düngung (wir erinnern uns: Hochmoore sind sehr nährstoffarm).

Ermutigt durch das Voranschreiten der Kunstdüngerentwicklung um 1900 (Nobelpreis für Fritz Haber!) erklärte dann das Kulturamt Münster kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf einer Versammlung, dass nun die Zeit gekommen wäre, mit planmäßigem Wegebau, systematischer Entwässerung und künstlicher Düngung bald Wiesen- und Ackerland entstehen zu lassen – für die Anwesenden klang es wie Science Fiction.

So schlossen sich am 20.02.1915 ca. 400 Personen zur „Genossenschaft der Bodenverbesserung des Emsdettener Venns im Kreise Steinfurt“ zusammen. Als Arbeitskräfte kamen Kriegsgefangene zum Einsatz, die Sommer 1915 die Arbeit aufnahmen. Über diverse von ihnen gezogene Gräben zu Hummerts Bach und Frischhofs Bach landete alles Wasser letztlich in der Ems. Nach dem Waffenstillstand November 1918 ging es mit Erwerbslosen weiter, so dass die Wege- und Grabenarbeiten am 01.04.1920 ihren Abschluss finden konnten.

Das bis 1920 unberührte Weiße Venn wurde nun durch die vorgenannten Arbeiten so trocken, dass die Torfmoose eingingen bzw. Heidekraut an deren Stelle trat.

Nach Plänen der Moor-Versuchssstation Bremen wurden zudem 1927 zwei Probegrundstücke von insg. 5 ha mit Weideeinsaat und Kartoffeln bepflanzt. Mangels Pflege (vor allem ständiges Walzen und Düngen) liessen die Erträge bald nach bzw. das Weidevieh zertrat die Grasnarbe – die Versuche wurden eingestellt.

Aber die Wende zum Besseren war in Sicht: bereits ab 1935 gab es nach einem Gutachten des Kreis-Naturschutzbeauftragten, Dr. Reichenbach, Bemühungen, dem Raubbau an Pflanzen und Tieren Einhalt zu gebieten. So waren bspw. zu dieser Zeit noch ca. 20 Birkwildhähne zu verzeichnen (die letzten wurden gegen 1945 gesehen).  Wie zu erwarten legten die Venninteressenten Widerspruch ein, aber nach einigem Tauziehen und den Torfabbau regelnden Kompromissen trat die Maßnahme dann am 12.05.1941 in Kraft – der Kreis hatte sein erstes Naturschutzgebiet!

Torf als Brennmaterial:
Immer mehr Menschen holten sich im Laufe der Zeit das kostbare Brennmaterial „Torf“. Besonders nach den Weltkriegen wurde aus Not Torf gestochen. So reihte sich Torfstichgrube an Torfstichgrube. Es war eine schwere und schweißtreibende Arbeit, die Ende April, Anfang Mai begann. Nach dem Stechen wurde der Torf zum Trocknen aufgeschichtet und danach in Diemen zu ca. 1200 Stück gestapelt. Im Spätsommer erfolgte dann der Abtransport der Torfstücke zum Verbrennen. Dies ging so bis Ende der 1960er Jahre!

Renaturierung – Regenerierung
Zur Wiedererweckung des Moores haben schon viele Schritte stattgefunden. Es wurde entbirkt und gestaut, die meisten Gräben und Torfstiche abgebunden sowie Dämme errichtet. Grund: das Regenwasser muss im Moor verbleiben.

Leider wird das Emsdettener Venn trotzdem noch lange pflegebedürftig bleiben. Der neue Aufwuchs muss immer wieder entfernt werden. Dabei verbessern weitere Staumaßnahmen die Regenerierung. Nur so ist es möglich, dass sich die Torfmoose immer weiter bzw. wieder ausdehnen und der Aufwuchs von Birke und Faulbaum keine Chance hat. Auch die typischen Moorpflanzen können sich dann wieder weiter ausbreiten.

Einige Erfolge dieser Maßnahmen sind jetzt schon zu erkennen – kommen Sie vorbei und schauen selbst!

 

P.S. Apropos „schauen“ – wen es gerne ein wenig „schaudert“: Wir haben natürlich auch eine Moorleiche zu bieten! Dazu gab es 2010 einen Bericht in der Emsdettener Volkszeitung, der Autor Rainer Seidl hat uns nun freundlicherweise sein Originalskript zur Moorleiche von Ahlintel zur Verfügung gestellt  – Dankeschön!

 

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